Marmore-Wasserfall

Auf dem Weg der Sinne: Öl, Wein, Bier und die Landschaft Umbriens

Olivenöl: eine umbrische Tradition
Zwischen Olivenbäumen: das grüne Gold Umbriens

Umbrien besitzt eine Besonderheit, die nur wenige kennen: Es ist die einzige italienische Region, die ausschließlich natives Olivenöl extra mit geschützter Ursprungsbezeichnung (g.U.) produziert. Diese Identität zeigt sich in fünf Untergebieten, jedes mit seinem eigenen Charakter: die Colli Assisi-Spoleto mit intensiv fruchtigem Aroma, die ausgewogenen Colli Martani, die feineren Colli Amerini, die goldschimmernden Colli del Trasimeno und die Colli Orvietani mit ihren kräuterigen Noten.

Ein Besuch in einer Ölmühle in Umbrien bedeutet, ein Ritual zu erleben, das seit Jahrhunderten gepflegt wird. Zwischen November und Dezember werden die Oliven geerntet und frisch in die Mühle gebracht. Innerhalb weniger Tage entsteht daraus ein intensiv grünes Öl, dessen Aromen Gaumen und Sinne begeistern. Die Betriebe öffnen das ganze Jahr über ihre Türen für Verkostungen, bei denen das „neue Öl“ mit Bruschetta, frischem Käse und Wurstwaren serviert wird. Einige bieten auch Kurse an, in denen man lernt, die bitteren und scharfen Noten zu erkennen, die für die Qualität des Produkts stehen.

Bier in Umbrien
Handwerksbier: der Geschmack Umbriens

Umbrien überrascht mit einer Brautradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht und sich heute durch die Verwendung lokaler Zutaten und kurzer Wege auszeichnet. Einige Betriebe bauen ihr eigenes Getreide – Gerste, Dinkel und Weizen – an und verarbeiten es in der eigenen Mälzerei zu Malz. So entsteht eine der wenigen echten Null-Kilometer-Wertschöpfungsketten Italiens.

Was die umbrischen Biere besonders macht, ist der Mut, Tradition mit neuen Ideen zu verbinden. Es gibt Biere mit Kichererbsen und Linsen – alten Hülsenfrüchten, die mineralische Noten und eine samtige Textur verleihen. Dinkel aus Norcia und Mais aus den Sibillinischen Bergen sorgen für Biere mit würzigem Charakter. Rund um den Trasimenischen See wird die fagiolina  (eine seltene Hülsenfrucht) verwendet, um Biere mit feinem und anhaltendem Geschmack zu brauen. Dazu kommen Safran aus Cascia für goldschimmernde helle Biere, Hanf aus Nocera Umbra für überraschend krautige Noten sowie Kastanien und Honig für Biere, die an die Wälder Oberumbriens erinnern.

Viele Brauereien öffnen ihre Türen für Führungen: Man geht zwischen den Stahltanks hindurch, nimmt den Duft von frisch geröstetem Malz wahr und beendet den Besuch mit einer Verkostung von Bieren, die den Charakter Umbriens widerspiegeln.

Der Corbara-See mit Weinbergen
Charaktervolle Weine: vom Sagrantino über den Gamay bis zu einem vergessenen Süßwein

Der Wein in Umbrien folgt einer ebenso klaren wie faszinierenden geografischen Struktur. In Montefalco steht der Sagrantino im Mittelpunkt – einer der kraftvollsten und langlebigsten italienischen Rotweine, tanninreich und streng, der seine eindrucksvollste Ausdrucksform in der Passito-Variante findet. Rund um den Trasimenischen See entdeckt man hingegen den Gamay del Trasimeno, eine überraschende Rebsorte: vermutlich im 19. Jahrhundert von sardischen Hirten nach Umbrien gebracht, wird er oft mit seinem französischen Namensvetter verwechselt, gehört jedoch tatsächlich zur Cannonau-Familie. Im Glas zeigt er sich in leuchtendem Rubinrot, mit Aromen von Sauerkirsche und mediterraner Macchia; am Gaumen ist er frisch, leicht zugänglich und fast seidig – ein mittelkräftiger Rotwein, ideal zur Begleitung der Küche rund um den See.

Nicht zu verpassen, für alle, die gerne abseits der bekannten Wege entdecken, ist der geräucherte Vin Santo aus Città di Castello – ein kaum bekanntes Slow-Food-Presidium. Hergestellt aus Trebbiano-, Malvasia-, Grechetto- und Malfiore-Trauben, wird er auf Gestellen getrocknet und mindestens fünf Jahre in kleinen Holzfässern gereift. Das Ergebnis ist ein süßer Wein mit intensiver Bernsteinfarbe, Noten von Trockenfrüchten, Honig und Zitrus sowie einer unverwechselbaren Rauchnote, die an Zigarrentabak erinnert – eine seltene Spezialität, die eine jahrhundertealte Tradition Oberumbriens bewahrt.

Rafting auf dem Fluss Nera
Rafting und Canyoning in von den Römern geprägten Gewässern

Cascata delle Marmore, Fluss Nera

Die Marmore-Wasserfälle sind kein Naturphänomen, sondern ein beeindruckendes Werk römischer Ingenieurskunst, das heute ein spektakuläres Erlebnis bietet. Das Wasser stürzt aus 165 Metern Höhe herab, und es von unten zu erleben bedeutet, einen Helm aufzusetzen, in ein Schlauchboot zu steigen und die volle Kraft des tosenden Wassers zu spüren.

Weiter flussabwärts, entlang des Nera, bietet Canyoning die Möglichkeit, versteckte Schluchten und enge Felsspalten zu erkunden – mit Sprüngen und Abseilen, in einer Landschaft, in der klares Wasser auf steile Felswände trifft.

Blütezeit in Castelluccio di Norcia
Wanderungen in den Sibillinischen Bergen

Castelluccio di Norcia, Sibillinische Berge

Wenn die Hochebene von Castelluccio im Frühling in voller Blüte steht, verwandelt sich die Landschaft in ein Farbenspiel von außergewöhnlicher Intensität. Doch die Sibillinischen Berge lassen sich das ganze Jahr über entdecken: Wege führen über 1.000 Meter hinauf, vorbei an alten Pfaden, verlassenen Dörfern und Gipfeln, die der Legende nach einst die Heimat der Sibylle waren.

Man wandert durch Weiden und Buchenwälder, mit Ausblicken, die an klaren Tagen bis zum Meer reichen. Jede Wanderung ist hier ein intensives Naturerlebnis – ursprünglich, wild und zugleich großzügig.

The Martin Pescatore
Vogelbeobachtung zwischen Feuchtgebieten und stillen Wasserflächen

Oase von Alviano, Trasimenischer See

In der Oase von Alviano, einer ehemaligen Schleife des Tibers, die in ein geschütztes Feuchtgebiet verwandelt wurde, wird die Stille nur vom Flügelschlag der Vögel durchbrochen. Graureiher, Seidenreiher, Eisvögel und Rohrweihen lassen sich hier mit Fernglas und Geduld beobachten, entlang von Holzstegen, die sich durch Schilf und ruhige Wasserflächen schlängeln.

Am Trasimenischen See wird die Vogelbeobachtung weitläufiger: An den Ufern und auf den Inseln legen zahlreiche Zugvögel eine Rast ein, darunter auch seltene Flamingos und Kormorane. Die beste Zeit ist die Morgendämmerung, wenn das sanfte Licht die Farben des Gefieders hervorhebt und das Wasser zu einem perfekten Spiegel wird.

Mit dem Fahrrad am Trasimenischen See
Radfahren entlang der Ufer des Trasimenischen Sees

Trasimenischer See, Castiglione del Lago, Passignano

Ein 60 Kilometer langer, flacher Radweg führt entlang des Trasimenischen Sees und bietet eine entspannte Strecke mit ständig wechselnden Ausblicken. Die Route verläuft durch Olivenhaine und Schilfgebiete und führt durch kleine Dörfer am Wasser: Castiglione del Lago mit seiner mittelalterlichen Festung, Passignano mit Häusern, die sich bis zum See hinunterziehen, und San Feliciano mit seinem Hafen und den Fischerbooten.

Man kann eine kürzere Strecke wählen oder die gesamte Runde fahren und unterwegs für ein Glas Gamay oder ein Gericht Tegamaccio anhalten. Hier gibt die Landschaft das Tempo vor – und lädt dazu ein, bewusst langsamer zu werden.